"John of John" ist der mittlerweile dritte Roman, den ich vom schottischen Autor Douglas Stuart lesen durfte und wie die ersten beiden, landet auch dieser ganz weit vorne in meiner Favoritenliste. Bereits mit seinem Debüt "Shuggie Bain" erhielt Stuart 2020 den britischen Booker Prize und auch sein neustes Werk hätte alle Auszeichnungen verdient.
Der 22-jährige John-Calum "Cal" MacLeod ist für ein Textilstudium nach Edinburgh gereist, wo er aber ohne Geld und Wohnung schnell Schulden anhäuft. Als eines Tages sein Vater John am Telefon davon erzählt, dass es seiner Großmutter Ella sehr schlecht zu gehen scheint, fühlt Cal sich verpflichtet sich um sie zu kümmern und reist zurück an seinen Geburtsort, der Insel Falabay im Nordwesten Schottlands.
Hier besitzen sie ein Croft, züchten Schafe und weben Harris-Tweed.
Cal ist nicht besonders begeistert zur Inselgemeinschaft von Calvinisten zurückzukehren, wo jeder jeden kennt und strenge Bibeltreue gelebt und gepredigt wird. Sein gefühlskalter Vater, der getrennt von seiner Frau lebt, weiß nichts davon, dass Cal schwul ist und seine langen gefärbten Haare, engen Hosen und Verhaltensweisen sind ihm stets ein Dorn im Auge. Zum Glück hat er wenigstens Verbündete in Doll, dem Jungen mit dem er erste sexuelle Erfahrungen gesammelt hat und Innes, ihrem Nachbarn und Johns bestem und einzigen Freund.
Je mehr Zeit er mit Innes verbringt, desto stärker werden seine Gefühle für ihn, doch wieso will dieser sich nicht auf Cal einlassen und welches Geheimnis hütet sein Vater seit Langem?
Was diesen Roman so interessant macht, sind in erster Linie die zwischenmenschlichen Beziehungen. Im Kontrast stehen hier Vater und Sohn, die beide eine innige Liebe zueinander verbindet, die aber aufgrund der Geheimnisse, die jeder mit sich trägt oft von ungewollter Härte und Unverständnis geprägt ist. John ist hin und her gerissen zwischen seinem starken Glauben, den Traditionen der Insel und seinem eigenen tiefen Begehren nach einem Partner und Akzeptanz. Zerfressen von Schuld und Sühne, wirkt er abgestumpft, herzlos und unnachgiebig. Seine Wutausbrüche sind ein Resultat seiner unterdrückten Gefühle und seiner Machtlosigkeit. Weil er sich nicht traut sich gegen Konventionen aufzulehnen und den ersten Schritt in Richtung eines selbstbestimmten und glücklichen Lebens zu machen, zerstört er fast seine ganze Familie. Das sein Geheimnis sich dabei in keinster Weise von dem seinen Sohnes unterscheidet und sich Vater und Sohn ähnlicher sind als gedacht, wird ihm dabei erst bewusst, als es beinahe zu spät ist.
Douglas Stuarts bildgewaltige Erzählkunst, lässt uns tief eintauchen in die bezaubernde schottische Landschaft und die verschiedenen Persönlichkeiten und ihren Motivationen. Hier wirkt nichts fehl am Platz und der Leser kann gar nicht anders, als sich mit mindestens einem davon zu identifizieren und mitzufiebern.
Mich hat vor allem Cals Leben darum so sehr bewegt, weil ich mich in seine Sorgen und Ängste gut hineinversetzen konnte. Auch fand ich es sehr stimmig, dass das Buch nicht wirklich ein Happy End hat, sondern mit seinem offenen Ende viel Platz für eigene Interpretationen lässt. Viele Schicksale der Inselbewohner haben mich zutiefst bewegt und mit einer Trauer im Herzen zurückgelassen, die sich gar nicht richtig in Worte fassen lässt und die mich noch lange begleiten wird.
Vielleicht kann man abschließend sagen, dass vor allem das Verzeihen in diesem Werk eine tragende Rolle spielt.
Dienstag, 12. Mai 2026
John of John [Rezensionsexemplar]
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